Promotionsprojekt Tom Ullrich

Barrikaden als Kulturtechniken und Infrastrukturen des revolutionären Paris (1830-1871)

 

Hippolyte Bellangé, Révolution de 1830 (29 juillet), Formation des barricades, Druckgrafik, 1830.

 

Die Dissertation untersucht den Barrikadenbau und Straßenkampf im Paris des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Transformation der Stadt in eine moderne Metropole. Das Ziel der Arbeit ist es, einen neuen Beitrag zur Erforschung der revolutionären Stadtgeschichte von Paris aus einer medienhistorischen und kulturtechnischen Perspektive zu leisten.

Dazu gilt es, die Pariser Barrikaden weder auf ein Symbol für Revolution und soziale Bewegung zu reduzieren, noch diese als spontane und planlose Praktik des Volkes abzutun. Revolutionäre Umbrüche unter Einsatz von Barrikaden bildeten vielmehr widerständige Akteur-Netzwerke, sie waren eine zugleich materielle und symbolische Protesthandlung im urbanen Raum. Zahlreiche Bildmedien wie Karten, Druckgrafiken, Gemälde und auch die frühe Fotografie bezeugen diesen Konflikt anschaulich, während er in der populären Literatur, in politischen Trakten und in der Tagespresse zu einem prominent verhandelten Gegenstand wurde. Inwieweit bringen jedoch Medien und Kulturtechniken mit ihrer jeweiligen Eigenlogik revolutionäre Situationen und Subjekte selbst erst mit hervor?

Mit der radikalen Modernisierung der Stadt Paris durch Napoleon III. und seinen Präfekten Haussmann wurde im Namen der Hygiene nach 1851 eine autoritäre Stadtplanung forciert. Deren zentrales Mittel, der Straßendurchbruch zum Bau breiter Boulevards, wurde von nicht wenigen Zeitgenossen als politische Strategie verdächtigt, um u.a. zukünftigen Revolten vorzubeugen. So geriet manchen bereits eine neue Straßenpflasterung als Komplizin der Konterrevolution.

Auf den ersten Blick steht die aufständische Umnutzung urbaner Straßenmöbel in den vielen Unruhen und Revolutionen zwischen 1830 und 1871 konträr zur massiven Transformation der gebauten Pariser Umwelt durch die Herrschenden. Jedoch trat in diesem Konflikt bald eine Ambiguität zutage, wenn nicht nur die Autoritäten mit Recht und Ordnung die Infrastrukturierung von Paris vorantrieben, sondern etwa auch der Revolutionär Auguste Blanqui mit einem Handbuch zum Barrikadenbau oder die Pariser Kommune von 1871 mit einer eigenen Barrikadenkommission den kommenden Aufstand bürokratisierten.

Anhand von bisher unbeachteten schriftlichen und bildlichen Archivmaterialien diskutiert die Dissertation die wechselseitige Verfertigung von Boulevards und Barrikaden, von Renovierung und Revolte als Techniken einer revolutionären Kultur im Paris des 19. Jahrhunderts.

 

Auguste Blanqui, Anleitung für einen bewaffneten Aufstand (1868)Manuskript, Bibliothèque Nationale de France